9. November 2018

Alt-OB beleuchtete beim Historischen Stammtisch die Nazi-Vergangenheit von Weißenburg

Die Stadt voll im Griff: Ab den 1930er-Jahren waren die Nazis die führende Kraft in Weißenburg. Mit Aufmärschen und Kundgebungen wie hier in der St.-Andreaskirche machten sie Stimmung für ihre Ideologie.

Im Rahmen eines Vortrags für den Historischen Stammtisch beleuchtete der Alt-Oberbürgermeister von Weißenburg, Reinhard Schwirzer, die Mitgliederentwicklung der NSDAP in der Stadt sowie im Landkreis. Die Plätze in der Gaststätte Goldener Adler reichten nicht aus. So groß war das Interesse der Bevölkerung. Unter den Gästen auch Stadtrat Erkan Dinar (DIE LINKE).

Für seine Recherchen hat sich der Alt-OB intensiv mit den Unterlagen der ehemaligen Spruchkammer in Weißenburg beschäftigt. Darin enthalten sind bis zu knapp 1200 Verfahren mit teilweise bis zu je 100 Seiten. Auffallend für ihn war dabei, dass bis auf einen Nazi aus Pleinfeld, welcher zugab von den Konzentrationslagern gewusst zu haben, beschönigend und verdrängt wurde. Niemand war Nazi gewesen. Mitunter fabulierte man sogar eine Mitwirkung in einer Widerstandsgruppe. Das Problem daran: Es gab nie so eine Gruppe.

Verurteilt wurde mit Karl Minderlein nur ein KZ-Wächter in Dachau. Er hatte einen Homosexuellen von einem hohen Gerüst gestoßen sowie einen weiteren Mann fast tot geschlagen. Auffallend war auch der Umstand, dass Nichtnazis den Nazis zur Seite sprangen. Sogar ehemalige KZ-Insassen und Opfer der Nazis stellten "Persilscheine" aus. Darunter vor allem Sozialdemokraten.

Der erste Versuch eine radikal antisemitisch-nationalistisch-völkische Parteistruktur in Weißenburg zu gründen mißlang. Kommunisten sprengen im Jahr 1922 eine Versammlung der Deutschsozialistischen Partei (DSP). Das prominenteste Mitglied dieser Partei war Julius Streicher aus Nürnberg. Der Gründer, Eigentümer und Herausgeber des vulgärantisemitischen politpornografischen Hetzblatt Der Stürmer. Kurz darauf gründete sich die NSDAP in Weißenburg, Treuchtlingen und Langenaltheim/Pappenheim.

Besonders attraktiv war die Partei jedoch nicht für die Bevölkerung. Nach dem Münchner Putschversuch durch Hitler am 8./9. November 2023 wurde sie bis 1928 verboten. Ab den Reichstagswahlen von 1930 (18,3 Prozent) wurde die Nazi-Partei dann von Neumitgliedern überrannt. Der Erfolg dahinter ist eng mit dem antisemitischen evangelischen Pfarrer und Lehrer Heinrich Kalb verbunden. Er diente den Nazis als wichtigster Gewährsmann und Multiplikator. Bis zu 10 Prozent der Weißenburger Bevölkerung war damals Bestandteil einer direkten oder indirekten Mitgliederorganisation der Nazis.

Der Historische Stammtisch wurde im Jahr 2000 gegründet. Ziel des Historischen Stammtisches ist es, das Interesse für Heimatgeschichte wachzuhalten, zum Gedankenaustausch anzuregen und in Gesprächen zu vertiefen.

Der langjährige ehemalige Sprecher vom Landkreisbündnis gegen Rechts und Stadtrat Erkan Dinar (DIE LINKE) zum Vortrag: "Die Nazizeit wurde nach dem 2. Weltkrieg in Weißenburg einfach tot geschwiegen. Die Recherchen von Alt-OB Schwirzer sind deshalb von immenser Bedeutung, um die jüngere Stadtgeschichte richtig zu verstehen sowie einzuordnen. Sätze wie, "bei uns gab es doch keine Nazis", haben sich tief in das kollektive Bewusstsein der Stadtbevölkerung eingenistet. Sie sind und bleiben trotzdem eine Lüge und Selbsttrug."