14. März 2016

Die Alevitische Gemeinde weihte mit einem Festakt ihre Vereinsräume ein

Stadt- und Kreisrat Erkan Dinar (DIE LINKE) aus Weißenburg im Gespräch mit Bürgermeister Werner Baum (SPD)

Mit einem kleinen Festakt wurden die neuen Räume der Alevitischen Gemeinde in Treuchtlingen eingeweiht. Dazu erklärt der türkischstämmige Stadt- und Kreisrat Erkan Dinar (DIE LINKE):

"Endlich hat die alevitische Gemeinde auch in unserem Landkreis eine Anlaufstelle. Lange haben wir gemeinsam danach gesucht. Ich wünsche den Verantwortlichen eine glückliche Hand. Auch weiterhin können sie mit meiner Hilfe rechnen."

Die größte alevitische Gemeinschaft existiert in der Türkei. Ihre Mitglieder stellen mit etwa 12,5 Millionen Anhängern schätzungsweise über 15 Prozent der Bevölkerung. Die Aleviten leben in allen Provinzen der Türkei; traditionell sind dies vor allem die Provinzen Çorum, Amasya, Tokat, Sivas, Erzincan, Erzurum, Tunceli, Malatya und Kahramanmaraş. Durch Binnenmigration leben sie derzeit mehrheitlich in Großstädten wie Istanbul, Gaziantep, Ankara, Izmir und Bursa.

Aufgrund ihrer Unterdrückung im Osmanischen Reich wurden die meisten Aleviten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Unterstützer Kemal Atatürks, da ein laizistischer Staat ohne Kalifat den Aleviten mehr Freiheiten gab als vorher. Durch die neuen Gesetze des Staates wurden aber auch alle alevitischen Orden und Sekten geschlossen. So wurde das Haci-Bektas-Veli-Tekke in Nevşehir zu einem Museum umgebaut. 1937/38 fielen im Massaker von Dersim mehr als 10.000 Aleviten der türkischen Armee zum Opfer.

Trotz der gesetzlichen Besserung kam es aber in der jüngeren Geschichte der Türkei zu Pogromen gegen Aleviten, so zum Beispiel 1978 in den Städten Çorum und Kahramanmaraş. 1993 wurde bei einem alevitischen Kulturfestival in Sivas ein Brandanschlag auf ein Hotel verübt, bei dem 37 Menschen – meist alevitische Künstler und Sänger – ums Leben kamen. Die Teilnehmer hatten sich dorthin zurückgezogen, nachdem Gegner das Fest angegriffen und die Teilnehmer massiv bedroht hatten. Ziel der Attacken war der Schriftsteller Aziz Nesin, der zuvor das Buch "Satanische Verse" Salman Rushdies ins Türkische übersetzt und die zunehmende Islamisierung und allgemein die Zustände in der Türkei kritisiert hatte. Die Duldung dieses aggressiven Massakers und die nur sehr zögerlichen Rettungsaktionen ließen den Verdacht aufkommen, dass örtliche und staatliche Organe Partei für die Mehrheitsbevölkerung genommen hätten. Religiöse Extremisten bewerteten die Einladung von Aziz Nesin als Ehrengast zu einem alevitischen Fest als eine "politische und bewusste Provokation" und als „Zeichen der Ablehnung der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft".

Nach den seit 1924 gültigen Verfassungen der Türkei sind Sunniten und Aleviten gleichberechtigt. Allerdings werden sie in den letzten Jahren zunehmend diskriminiert und geraten besonders seit der Jahrtausendwende unter Druck der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft. Anschläge auf Aleviten häufen sich.

Der türkische Staat subsumiert die Aleviten unter die islamischen Glaubensrichtungen. Auch heute noch betrachten die Aleviten eine laizistische Staatsform als Grundlage und Garantie ihrer Existenz. Doch wurden viele Aleviten und alevitische Gemeinden seit der Reislamisierung der Republik Türkei ab den 1970er Jahren durch die staatliche Behörde für (sunnitische) Religionsangelegenheiten, genannt Diyanet, assimiliert. Die Europäische Kommission hat die zunehmende Diskriminierung der Aleviten in der Türkei im Rahmen der Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union mehrfach kritisiert, unter anderem in der "Empfehlung zu den Fortschritten der Türkei auf dem Weg zum Beitritt" vom Oktober 2004. Ein Beitritt der Türkei zur EU ohne Anerkennung der Aleviten als konfessionelle Minderheit ist aufgrund der alle EU-Staaten verpflichtenden Religionsfreiheit daher undenkbar.

Zwar dürfen die traditionellen alevitischen Feste inzwischen in der Türkei offen gefeiert werden, allerdings offiziell nicht als religiöse, sondern lediglich als Folklore­veranstaltungen. Dies ist in der recht speziellen Form der Trennung von Staat und Religion in der kemalistischen Türkei begründet und bereitet manchen sunnitischen Gemeinschaften Probleme bei ihrer Religionsausübung.  Selbst in mehrheitlich alevitischen Dörfern wurden sunnitische Moscheen gebaut. Es ist aber auch zu erwähnen, dass die alevitische Gemeinschaft, die nach Schätzungen zwischen 10 % und 20 % der Bevölkerung der Türkei ausmacht, im Gegensatz zur kurdischen Minderheit keine offizielle Partei mehr besitzt, die die Rechte der Aleviten verteidigen könnte.

Eine Hauptforderung der Aleviten ist die Anerkennung der Cem-Stätten als Ort der Religionsausübung und damit eine Gleichstellung mit den Moscheen. Moscheen haben unter anderem das Privileg, dass die Rechnungen für Strom und Wasser von den Behörden beglichen werden, während Cem-Stätten privat betrieben werden müssen. Außerdem bekommen Vorbeter in der Moschee einen Beamtenlohn, während dies die alevitischen Vorbeter nicht bekommen. In einem Vorstoß erkannten das Bürgermeisteramt des Bezirkes Kuşadası der Provinz Aydın im September 2008 und das Bürgermeisteramt der Stadt Tunceli im Oktober 2008 die Cem-Stätten als gleichberechtigte Kultstätten an. (Quelle: Wikipedia)